Hinweise für das Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit

1. Das Problem

Jede wissenschaftliche Arbeit muss ein Problem lösen. Notfalls kann die Arbeit zwar auch zeigen, dass ein Problem nicht lösbar ist, aber lösbare Probleme sind vorzuziehen.

Um herauszufinden, ob Ihr Problem lösbar ist, sollten Sie es mit dem Betreuer Ihrer Arbeit besprechen. Eine Garantie für die Lösbarkeit kann der Betreuer zwar auch nicht geben, aber wenn er das Thema genehmigt hat, muss er auch Ihre Beweisführung über die mangelnde Lösbarkeit akzeptieren. In diesem Fall ist der Weg das Ziel.

Sie dürfen auch nicht denken, dass der Betreuer die fertige Lösung Ihres Problems, die fertige Arbeit, im Kopf oder im Schrank hat. Sie als Bearbeiter wissen nach kurzer Zeit mehr über Ihr Problem als der Betreuer, und trotzdem kann der Betreuer am Ende beurteilen, ob Ihre Lösung logisch oder widersprüchlich, umfassend oder oberflächlich, gut oder schlecht ist. Sie müssen Ihre Gedanken nur richtig verkaufen.

Ihre Vorstellungen darüber, welches Problem Sie in Ihrer Arbeit behandeln wollen, können gar nicht genau genug sein. Genauigkeit heißt nicht, viele Worte zu machen - im Gegenteil: Das Problem muss in einem einzigen Satz oder in einer einzigen Frage ausgedrückt werden. Diese Frage oder dieser Satz sollte sogar allgemeinverständlich sein, beispielsweise: "Lässt sich die Kostenrechnung eines Industriebetriebes auf einen Versicherungsbetrieb übertragen?"

Für die Abschlussarbeit eines praxisorientierten Studiums kann das Problem auch ein praktischer Fall sein, z.B.: "Die Einführung der Kostenrechnung in der XY Versicherungen AG". Wenn Sie an einem solchen Projekt oder an einem Teilprojekt mitgewirkt haben, ist eine Darstellung dessen, was Sie gemacht und herausgefunden haben, eine gern gesehene Arbeit. Es muss aber deutlich werden, worin das Problem des Unternehmens bestand, wie es gelöst wurde, und welches Ihr Anteil an der Problemlösung war.

Es ist auch möglich, dass Sie in der Praxis nicht direkt mit der Durchführung eines Projekts beauftragt sind, sondern mit seiner Vorbereitung. Dann könnte Ihr Thema lauten: "Konzeption und Einführungsvorbereitung der Kostenrechnung in der XY Versicherungen AG". In diesem Fall werden Sie wie ein Unternehmensberater tätig, der ein Konzept entwickelt, welches dem Vorstand des Unternehmens (oder dem Leiter des Rechnungswesens) vorgelegt wird. Falls dies Ihre Aufgabe ist, die Sie beschreiben möchten, sollten Sie daran denken, dass Sie zwei Herren dienen müssen, dem Unternehmen und dem Aufgabensteller an der Hochschule. Oft entwickeln Unternehmen eine eigene Sprache, die dem Außenstehenden nicht unmittelbar verständlich ist. Nicht jeder deutsche Professor für Betriebswirtschaftslehre kann mit dem Wort "gecustomized" etwas anfangen. Dann müssen Sie Erklärungsarbeit leisten, jedenfalls dem Aufgabensteller an der Hochschule gegenüber. Falls solche Erklärungen von firmeninternen Selbstverständlichkeiten Ihrem Auftraggeber im Unternehmen auf die Nerven gehen, sollten Sie zwei verschiedene Fassungen Ihrer Arbeit herstellen, eine für die Firma und eine für die Hochschule.

Welchen der drei Typen einer Abschlussarbeit Sie auch wählen, die theoretische Literaturarbeit, die Durchführung eines Projektes in der Praxis oder den Entwurf eines solchen Projektes, in allen drei Fällen muss Ihre Arbeit eine wissenschaftliche Arbeit sein, bei der ein Gedanke aus dem anderen folgt und jeder Gedanke wohlbegründet ist. Das bedeutet zunächst: Sie müssen ein Konzept für Ihre eigene Arbeit entwickeln. Dieses Konzept wird dann die Gliederung Ihrer Arbeit; und diese Gliederung wird vorher mit dem Aufgabensteller besprochen.

Auch im weiteren Verlauf der Arbeit ist die jeweils aktuelle Gliederung die Grundlage für die Beratung. Fertige Seiten lese ich während der Beratung nicht, nur Gliederungen.

Mit der Auswahl und der Darstellung des Problems ist schon das Schwierigste geschafft. Gelungen ist die Darstellung des Problems, wenn die weiteren Untersuchungsschritte auf der Hand liegen und mit einer gewissen Zwangsläufigkeit aus dem Problem abgeleitet werden.

2. Der Gang der Untersuchung

Manchmal wird zwar der Abschnitt "Problemstellung und Gang der Untersuchung" als letzter geschrieben, aber das darf der Leser nicht merken. Man muss als Autor zumindest den Anschein erwecken, als wenn sich der Gang der Untersuchung zwangsläufig aus dem Problem der Arbeit ergibt. Überlegt man sich aber wirklich vorher ganz genau, welche Schritte erforderlich sind, um die im Thema gestellte Frage zu beantworten, dann hat man den entscheidenden Schritt zu einer geordneten Gedankenführung getan. Und eine geordnete Gedankenführung ist das Wichtigste für eine wissenschaftliche Arbeit.

Jeder Gedanke muss zur Beantwortung der Themenfrage, zur Lösung des Problems beitragen. Lassen Sie alles weg, was nicht die Themenfrage beantwortet, und wenn Sie Ihr Wissen noch so gern unterbringen möchten.

3. Die Quellen des Wissens

Jede Aussage, strenggenommen jeder Satz, muss entweder

oder

oder

Der oberste Gedanke ist: Der Leser muss die Aussagen nachvollziehen können. Er muss mit dem Kopf nicken und sagen: "Ja, so ist es auch." Bei einer logischen Folgerung aus dem zuvor Gesagten könnte dies beispielsweise so aussehen:

1. Nach 37 Abs. 2 VVG müssen die Versicherungsprämien im Voraus gezahlt werden.

(Genaue Denker, die im Versicherungsvertragsgesetz nachschlagen, finden die Bestimmung: "Ist die einmalige oder die erste Prämie bei Eintritt des Versicherungsfalles nicht gezahlt, ist der Versicherer nicht zur Leistung verpflichtet, es sei denn, der Versicherungsnehmer hat die Nichtzahlung nicht zu vertreten. Der Versicherer ist nur leistungsfrei, wenn er den Versicherungsnehmer durch gesonderte Mitteilung in Textform oder durch einen auffälligen Hinweis im Versicherungsschein auf diese Rechtsfolge der Nichtzahlung der Prämie aufmerksam gemacht hat". Den Gedankenschritt, dass daraus folgt, Versicherungsschutz bestehe nur, wenn die Prämie im Voraus bezahlt wird, diesen Gedankenschritt kann man getrost dem Leser überlassen.)

2. Die Versicherungsleistung hängt vom Eintritt eines unsicheren Ereignisses ab.

Folgerung: Da die Versicherungsleistung, wenn sie überhaupt eintritt, nach der Prämienzahlung liegt, können die Versicherungsunternehmen zumindest einen Teil der vorausgezahlten Prämien auf dem Kapitalmarkt anlegen.

Wenn die Aussage nicht von Ihnen selbst abgeleitet wurde und auch nicht das Ergebnis einer eigenen Untersuchung ist, müssen Sie zitieren. Allgemeinwissen (auch fachliches Allgemeinwissen) braucht nicht zitiert zu werden. Die Abgrenzung ist allerdings oft schwierig. Nehmen wir an, in Ihrer Arbeit soll stehen: "Es ist in der Versicherungsbetriebslehre umstritten, ob die Produktion von Versicherungsschutz und Kapitalanlagen eine Kuppelproduktion ist." In einer betriebswirtschaftlichen Arbeit kann man voraussetzen, dass der Leser weiß, was eine Kuppelproduktion ist (wenn Ihr Thema allerdings lautet: "Die Produktion im Versicherungsbetrieb - eine Kuppelproduktion?", dann müssen Sie sich auch mit dem Begriff der Kuppelproduktion auseinandersetzen und hierfür Zitate bringen). Die Aussage "Es ist ... umstritten", muss auf jeden Fall belegt werden - mindestens eine Stimme dafür und eine Stimme dagegen brauchen Sie schon.

Wenn Sie die Aussage insgesamt irgendwo gelesen haben und dort die Pro- und Contra-Stimmen zitiert wurden, sollten Sie die Zitate im Original nachschlagen und nicht einfach aus Ihrer Quelle abschreiben. Das gilt als unfein; und außerdem könnte ausgerechnet in Ihrer Quelle ein Zitat fehlerhaft sein. Wenn der Leser an Ihrer Stelle das Originalzitat nachschlägt und dies bemerkt, dann sind Sie ertappt.

Jedoch wird es nicht möglich sein, an jede Originalquelle heranzukommen. Dann ist ein Sekundärzitat erlaubt, etwa so: "H. Kreis, Die Aufstellung und Auswertung der monatlichen Erfolgsrechnung, in: Archiv für das Eisenhüttenwesen 1932/33, S. 357 ff. (zit. bei: W. Kilger, Flexible Plankostenrechnung und Deckungsbeitragsrechnung, 9. Aufl. Wiesbaden 1988, S. 771)". Genaugenommen müsste hier noch genannt werden, auf welcher Seite des Aufsatzes von Herrn Kreis die zitierte Aussage steht. Dann schreibt man hinter der Seitenangabe des Aufsatzes noch die genaue Seite, also z.B. S. 357 ff., hier S. 358). Leider hat Kilger diese Angabe nicht gemacht, sodass man schon im Archiv für das Eisenhüttenwesen nachschlagen muss, um die genaue Stelle zu finden... Am besten vermeidet man Sekundärzitate.

4. Formales

Die meisten Fehler werden gerade bei den Zitaten gemacht. Häufig werden ehrfurchtsvoll die akademischen Titel der Autoren genannt - ein Fehler, der zeigt, dass Sie nicht viel wissenschaftliche Literatur gelesen haben. Übrigens werden auch die Verlage nicht in den Zitaten genannt.

Wenn die Titel der Quellen lang sind (meistens), muss man nicht jedes Mal den ganzen Titel aufführen. Wichtig ist nur, dass der Leser die Quelle eindeutig identifizieren kann. Dafür gibt es verschiedene Methoden, die Sie am besten in verschiedenen Quellen selbst studieren und vergleichen können. Früher war es üblich, beim ersten Zitat einer Quelle diese ausführlich zu nennen und bei späteren Zitaten mit "a.a.O." (am angeführten Ort) darauf zu verweisen. Dann muss der Leser aber so lange zurückblättern, bis er das erste Zitat gefunden hat. Besser ist es, von vorneherein mit einem verkürzten Titel zu zitieren, z.B. "W. Kilger, Plankostenrechnung, S. 771". Im Literaturverzeichnis machen Sie dann durch Fett- oder Kursivdruck deutlich, welcher Teil des Titels im Kurzzitat verwendet wurde, also z.B.: "W. Kilger, Flexible Plankostenrechnung und Deckungsbeitragsrechnung, 9. Aufl. Wiesbaden 1988".

Es ist üblich, bei indirekten Zitaten "vgl." vor das Zitat zu setzen; bei direkten (wörtlichen) Zitaten lässt man das "vgl." weg und setzt das Zitat in Anführungszeichen. Wenn Sie schon direkt zitieren (zu lange wörtliche Zitate sprechen gegen Ihre eigene Arbeit), dann schreiben Sie bitteschön wenigstens richtig ab! Ein gewisses Maß an Toleranz muss man als Prüfer gegenüber der Rechtschreibung in Abschlussarbeiten wohl aufbringen, aber wenn Sie noch nicht einmal richtig abschreiben können, weckt dies Zweifel an Ihrer wissenschaftlichen Qualifikation.

Selbstverständlich gehört in die Arbeit ein vorangestelltes Inhaltsverzeichnis mit Seitenangaben (nutzen Sie hierfür die Automatikfunktionen Ihres Textverarbeitungsprogramms), ein Abkürzungsverzeichnis (ohne allgemein übliche Abkürzungen), ein Abbildungsverzeichnis, ein Tabellenverzeichnis und am Schluss das Literaturverzeichnis. In das Literaturverzeichnis, auch das machen viele falsch, gehören nur die Quellen, die Sie tatsächlich zitiert haben. Wie in den Zitaten haben auch im Literaturverzeichnis die akademischen Titel der Verfasser und die Verlage, in denen die Bücher oder Zeitschriften erschienen sind, nichts zu suchen.

Natürlich müssen Sie auch und vor allem die einschlägigen Vorschriften der für Sie gültigen Prüfungsordnung beachten.

5. Der Schluss

Der Anfang und der Schluss sind das Schwierigste an jeder Arbeit. Oft wird der Schluss "Zusammenfassung" genannt. Eine erneute kurzgefasste Darstellung der ganzen Arbeit ist mit "Zusammenfassung" nicht gemeint. Die Arbeit hat der Leser ja gerade hinter sich. Nein, am Schluss müssen alle in der Arbeit aufgeworfenen Fragen beantwortet sein, alle Gedankenbögen müssen geschlossen sein - und ganz am Ende muss die Frage beantwortet werden, mit der die Arbeit begonnen hat. Damit wird der erste Gedankenbogen geschlossen, derjenige, der die ganze Arbeit umfasst.

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